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Palmsonntag mit Andy Lang

wir-in-gefrees.de hatte die Möglichkeit, am Palmsonntag mit Andy Lang, seines Zeichens freiberuflicher Künstler aus Gefrees, ein Telefoninterview zu führen.
Viel Spass beim lesen …

Hallo Andy.
Du hast vor über einem Jahr – kurz vor Corona – dein 30stes Bühnenjubiläum gefeiert – kannst du dich noch an deinen allerersten GIG erinnern?

Ja, und zwar ganz genau. Ich muss echt schmunzeln, wenn ich daran denke, dass „GIG“ von den schwarzen Jazz- und Gospelmusikern der 30er Jahr als Abkürzung für „God is good“ erfunden wurde – und genau so war es für mich: ich hatte gerade meinen Führerschein und konnte so mit meiner Gitarre die knapp 40 km in den Jugendclub meines besten Freundes fahren: Er hatte die Idee, einmal im Monat ein „Konzert“ zu veranstalten – also Livemusik von jungen Leuten für jungen Leute. Ich war der allererste Versuch dort und war total platt, dass fast 50 junge Erwachsene – auch Mitzwanziger – gekommen waren, die Bude aus allen Nähten platze und die Menge echt andächtig die ganzen 1,5 Stunden zuhörte. Meine songs! Meine Covers! Meine Stimme und meine 6 string! Es war wirklich der Hammer! Dass ich damals sogar schon eine kleine Gage bekommen habe, war natürlich klasse für einen Schüler, aber noch viel wichtiger war das Gefühl: Du hast etwas zu sagen und es gibt Leute, die wollen es hören!
Das war 1988 am Vorabend der friedlichen Revolution in unserem Nachbardeutschland und der Jugendclub war ca. 20 km von der deutsch- deutschen Grenze entfernt – es gab also viel zu besingen und zu sagen!

Bei 30 Jahren kommen ja für einen Profi ganz schön viele Auftritte zusammen – was war dein schönstes und was dein schrägstes Konzerterlebnis?

Beim schönsten tu ich mir echt schwer – es ist definitiv keine Sache der Zahlen. Ich hab schon vor 10.000 Leuten gespielt, aber auch vor sieben! Natürlich ist es erhebend, auf der gigantischen Kulisse der Felsenbühne der Luisenburg zu stehen (am Vorabend meines Jubiläumskonzerts spielte Manfred Mann dort), fast 2000 Fans vor mir, die wirklich wegen meiner Musik gekommen sind und fantastische KollegInnen an meiner Seite.

Aber ich denke, am berührendsten ist es immer dann, wenn das Wunder des Flow entsteht – die Energie – man könnte auch sagen der Segen – fließt hin und her zwischen den Menschen auf der Bühne und vor der Bühne.
Einmal waren die Hälfte meiner ZuhörerInnen Menschen mit Trisomie 21 – nach dem Konzert kam ein junger Mann und fragte mich, ob er mich segnen dürfe. Er hat mir dann die Hände aufgelegt und Worte gesagt, die ich nicht verstanden habe – aber von seinem Herzen floss so viel an Güte und Bewegtsein zu mir, dass ich unheimlich beschenkt war.
Und das Schrägste: da muss ich nicht lang überlegen: ich hab mal bei einem Irish Folk Festival in einem Zirkuszelt mit ca. 300 Plätzen gespielt – es war Wochen vorher ausverkauft. Der Veranstalter bestand darauf, dass die Band, die Tanzcrew und ich alle in jeder Hälfte auftraten – und obwohl wir uns ganz kollegial genau ans timing hielten und eigentlich eine gute Stimmung war, sind die Leute nach dem letzten song aufgesprungen und fast fluchtartig ins Freie gerannt. Ich hatte zu tun, dass ich durch den Mittelgang zu meinen CD Tisch kam. An dem Abend hab ich 2 CDs verkauft und die Band eine. Und gelernt, dass Weniger eindeutig Mehr ist!

Dein Bühnenjubiläum hat auf der Luisenburg im Fichtelgebirge stattgefunden – keine ganz kleine Location für einen Folk Musiker mit ihren fast 2000 Sitzplätzen – ist das Größenwahn oder Strategie?

Naja, als ich vor 11 Jahren dort zum ersten Mal spielte – es war mein 1000stes Konzert- war ich schon aufgeregt. Normalerweise kommen zw. 80 – 200 Leuten zu meinen Auftritten, also war das eine ganz andere Liga. Ich stand hinter der Bühne und traute meinen Ohren nicht, als ich meinen Gastgeber sagen hörte: „Der Andy wird gleich große Augen machen, wenn er steht, wo ich jetzt stehe und sieht, was ich sehe: Ein volles Haus!“
Was war geschehen? Ich bin zum einen Lokalmatador und viele Leute aus der Region wollten mich einfach auf dieser wundervollen Bühne sehen. Die lokalen Zeitungen haben mich toll unterstützt und ganzseitige Interviews mit mir im Vorfeld gebracht. Aber es gab auch etliche Fans, die von weit her (sogar aus Holland) angereist waren und sich dieses besondere, vielleicht einmalige Konzert von mir an diesem magischen Ort ansehen wollten. Da war einfach wahnsinnig viel Verbundenheit, fast Verschworenheit.
Und ich hab gelernt, dass es für einen Künstler nichts Wichtigeres gibt, als einen guten Draht zu seinen treuen Fans zu halten. Dazu gehört auch, dass man nicht abhebt, sondern schön verwurzelt bleibt. Das fällt mir als Franken einigermaßen leicht! Überhaupt kann ich die Rolle meines Publikums für ein gelingendes Konzert gar nicht groß genug einschätzen! Vor einiger Zeit hab ich das für mich mal so definiert und empfinde es wirklich so:
„Das größte Geheimnis meiner Musik sind die Menschen, die sie hören. Aus ihren Hoffnungen, Sehnsüchten und Träumen erfährt meine Klangwelt Tiefe und Raum.“

Wie bist du denn in deinem Genre gelandet? Warum Celtic Folk?

Daran war ein Dartpfeil schuld! Ich hab als Junge leidenschaftlich gern diese Pfeile herumgeworfen, aber einmal verirrte sich so ein Dartpfeil in eine LP meines Bruders – ich musste sie ihm abkaufen – für 25 Mark! Es war eine unsägliche Ausgabe für einen 13 jährigen. Aber die beste Investition meines Lebens! Ich hatte nämlich das legendäre Live Album „Folk Friends“ getroffen, zudem Hannes Wader 1978 die großen Folkmusiker seiner Zeit geladen hatte – und es war nur der erste song kaputt. Also hab ich es gehört, wieder gehört und endlos gehört und bin so selbst zum Folk Friend geworden.

Gibt es musikalische Vorbilder für Dich?

Absolut. Ich bewundere das songwriting von Leonhard Cohen und freue mich an seiner Stimme – je älter er wurde, desto abgründiger sein Timbre. Ich hab ja auch einen Baßbartiton, aber da muss ich schon noch ein paar Jahrzehnte warten oder einige Fässer Whisky trinken. Vielleicht beides.
Mir gefällt die Mehrdeutigkeit seiner Aussagen und seine fast literarischen lyrics. Als Komponist finde ich Sting unheimlich vielseitig und als Arrangeurin Loreena McKennitt (sie bekehrte mich zur keltischen Harfe in einem kleinen Club in Edinburgh im August 91). Und dann gibt es viele internationale MusikerkollegInnen, die ich einfach wunderbar finde und regelmäßig bei mir in der Konzertscheune beherberge: Rainer Seiferth aus Madrid, John Doan aus Oregon, Siri Svegler und Sophia Talvik aus Schweden oder Michelle Lewis aus LA. Wer tolle Instrumentalisten und Songwriter mit Hammerstimmen liebt, sollte diese Namen mal suchen.

Wie kommst du zu deinen Songs?

Gar nicht – sie kommen zu mir. Wenn die Inspiration geschieht, ist es immer Geschenk – und am Schluss ein bisschen Handwerk. Daher muss man sich verfügbar machen. Raus gehen, die Stille suchen, sich der Eindrücke entledigen – dann kann das Wunder geschehen. John Doan sagte mir einmal, dass man demütig und bereit sein muss, wenn die Melodie kommt – und alles andere – sei es noch so wichtig – zur Seite legen muss, bis man sie (die Melodie) „gefangen“ hat. Auf meinen Pilgerreisen in Irland schreibe ich vielleicht 80% meiner songs – es ist fast so, als wenn die Erde im Westen der grünen Insel getränkt wäre mit Musik. „Liebe die Erde und küsse sie“ forderte Dostojewski und so empfinde ich es: Mit Wertschätzung, Achtsamkeit und Erwartung draußen unterwegs sein und sich beschenken lassen. So geht es für mich!

Im über 100 Jahre alten Backstein Lagerhaus deines Urgroßvaters betreibst du seit 20 Jahren deine eigene Konzertscheune. Dort stehst du nicht selbst auf der Bühne, sondern schaffst anderen Künstlern einen Raum. Was ist dir bei der Auswahl der Acts besonders wichtig?

Zunächst einmal ist es unheimlich beglückend für mich, dass ich das tun darf und kann: Einen Raum zu bereiten, in dem Menschen Inspiration, Gemeinschaft, Anregung und Kultur erfahren dürfen. Es ist viel Arbeit und wir machen fast alles ehrenamtlich: Vom Toilettenputzen über die Ticketbestellung bis hin zum Bierausschenken. Aber wenn ich dann sehe, wie sich die Menschen von meinen KollegInnen und dem Ambiente beschenken lassen, wie ihre Augen leuchten und ihr Herz aufgeht, ist es mehr als „worthwhile“.
Bei den KünstlerInnen geht es mir v.a. um Authentizität und Zugewandtheit. Der wundervolle irische Songwriter Ben Sands dichtete einmal: „It´s good to be back among friends again“ – wenn dieses Gefühl, ja diese Aura von Verbundenheit entsteht bei einem Konzert, ist alles richtig gelaufen. Worum es mir nicht geht, ist eine virtuose Zurschaustellung von exquisitem Können. Obwohl die KünstlerInnen, die hier spielen, natürlich professionell sein sollten, gibt es sowieso viel zu viel Elitevaganz. Die Welt wird nicht gerettet werden von Experten oder Virtuosen (obwohl sowohl Handwerk als auch Wissenschaft unheimlich wichtig sind), sondern von Menschen, die ihr Herz öffnen und anderen helfen, Mitgefühl und Verbundenheit zu entwickeln. Und dazu haben wir Künstler einen besonderen Auftrag!

Gibt es Lieblingskollegen von dir?

Unter den MusikerInnen sind das natürlich meine BandkollegInnen: Meine wundervolle Geigerin Monika Romanovska, meine vielseitige und virtuose Cellistin und Flötistin Sybille Friz und ihr Mann, mein Bassist Wolfgang Riess. Unter meinen „Denk“kollegInnen und Freunden(also Buchautoren) sind das Ulrich Schaffer, weil er wichtige mystische Empfindungen für ein Millionenpublikum durch seine weisen Worte und seine berührenden Fotografien zugänglich gemacht hat und Christina Kessler, die seit fast 50 Jahren als Ethnologin daran forscht, das Wissen indigener Völker für uns verbildete Westler so zu heben, dass es keine Enteignung, sondern win win für alle ist. Und das ist ein Drahtseilakt, den sie virtuos beherrscht.

Was hältst du heute für die wichtigste Aufgabe eines Performing Artist?

Wenn wir ganz bei uns und zugleich ganz außer uns (also jenseits des Egos) sein können während eines Konzertes und die Zuhörenden das spüren, kann sich ein heiliger Moment ereignen: Wir tauchen ein in eine Wahrheit, die jenseits unseres eigenen kleinen Wirkens ist – die transpersonal gilt und das Potential hat zu transformieren: Zu verwandeln, was noch nicht stimmig ist, sowohl bei uns selbst als auch bei unserem Publikum. Daher hat wahre Musik auch immer etwas mit Therapie zu tun – im ganz ursprünglich griechischen Wortsinn: Dienen und heil werden lassen.
Ob das geschieht, entzieht sich unserer Verfügbarkeit, aber es gibt ein paar „tricks“, sich darauf vorzubereiten, dass es geschieht.

Was rätst du jüngeren Kolleginnen, die gerade am Beginn ihrer Karriere als professioneller Act stehen?

Das machen, was aus ihrem Herzen kommt. An sich glauben und denen vertrauen, die ihnen nahe stehen. Sich nicht verbiegen lassen, weil man so angeblich erfolgreicher ist. Kurz: Alles anders zu machen als Dieter Bohlen. Damit stellt sich vielleicht der kurzfristige Erfolg nicht ein, aber es beginnt eine Reifung, die jenseits von Stimmqualität oder Instrumentenbeherrschung die Menschen wirklich bewegen wird. Ich habe in meiner Konzertscheune in 20 Jahren Hunderte von professionellen MusikerInnen erleben dürfen – und die Erfolgreichen hatten das alles integriert. Um es auf den Punkt zu bringen: Sie waren demütig, dankbar und voller Freude und haben das freizügig mit ihrem Publikum geteilt.
Andrerseits habe ich unglaublich talentierte MusikerInnen gesehen, die nirgendwohin kamen, weil sie überheblich wurden, es psychisch nicht auf die Reihe brachten, verlässlich zu sein oder nicht wirklich an sich glauben konnten. Wahre Musik ist immer Dienst am Menschsein und niemals Dienst am Ego.

Was ist dein Wunsch für Deine Zukunft als Singer – Songwriter

Ich möchte noch mehr in den Andy hineinwachsen, der ich bin – also noch andyeskere Songs schreiben, wenn man das so sagen kann. Dazu werde ich mich noch konsequenter immer mal einer Auszeit aussetzen und mich von meiner Frau, meinen Kindern und meinen Freunden kritisch hinterfragen lassen. Und zugleich will ich genießen, was bereits alles geworden ist: ich finde es außergewöhnlich, dass ich mit meiner Kunst meine Familie ernähren kann und zugleich so wahnsinnig viel Spaß habe und für die Menschen, denen meine Musik etwas sagt, scheinbar wichtig geworden bin.

Zuletzt: Wie hast du die Coronazeit erlebt?

Ambivalent. Auf der einen Seite hat jede Krise ein Potential – und diese hat ein so großes, dass ich im ersten Lockdown ein Buch geschrieben habe, das sich wie wild verkauft hat: „Die Krise als Chance – eine Einladung zum Reifen.“
Es ist grundsätzlich gut, einmal innezuhalten, bisherige Wege zu überdenken und einiges zu verändern. Es kann auch nicht immer nur nach oben gehen und auch wir Künstler sitzen all zu oft dem neoliberalen Traum vom beständigen Wachstum auf.
Natürlich sehe ich aber auch die Not, die viele KünstlerInnen haben – und sie besteht nicht nur im Materiellen, sondern v.a. in der mangelnden Wertschätzung, die von der Politik den Kreativen entgegengebracht wurde – zusammen mit den Gastronomen waren wir das Bauernopfer, das erbracht wurde! Da gibt es viel nachzuholen und ich fände es sehr stimmig, wenn am Ende der Pandemie eine Entschuldigung der Entscheidungsträger (die natürlich nicht alles richtig machen können) in Richtung der KünstlerInnen käme.
Und zugleich sehe ich eine unheimliche Solidarität der Menschen – bei den wenigen Konzerten die es im vergangenen Jahr geben konnte, haben viele zusätzlich zum Ticketpreis etwas gespendet, es gab die großartige Aktion #Ticketbehalten und viele Leute haben wie verrückt CDs und Bücher gekauft. Ich wage zu hoffen, dass viele Menschen begriffen haben, wie wichtig Kultur ist, weil sie uns hilft, uns selbst zu deuten, uns zu verlieren und neu zu finden und eine bessere Gesellschaft zu werden, weil wir endlich begreifen, dass wir im selben Boot sitzen.

Wir bedanken uns ganz herzlich für dieses ausgesprochen tolle Interview mit dir.

Fotos: Paul Yates, Hemmerich, Andy Lang

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1 Kommentar
  1. Was Andy Lang schreibt, ist ein Anstoß. Zum nachdenken.
    Da bin ich bei ihm: “Musik hat etwas mit Therapie zu tun.” Ich erwarte von Musik, dass sie mir gut tut. Ja, dass sie mir die Seele pflegt. Die Steigerung ist, wenn sie mir Gänsehaut macht Und: Das gesungene Wort sollte mir was zu sagen haben. In Andys Konzertscheune passiert das leichter. Wegen der Nähe – ich mag den Künstlern und Künstlerinnen ins Gesicht sehen können, ihnen auf die Hände schauen. Ich sehe, ob sie ihre Empfindung nur spielen oder ob sie ehrlich sind. Mir gibt diese Wohnzimmeratmosphäre viel mehr als ein Massenauftrieb in einer Halle.
    Ich pflichte Andy bei, weil ich nicht die perfekte Vorstellung erwarte. Weil ich meine Grenzen kenne, Perfektion beurteilen zu können. Perfektionisten sind angespannt, sie dienen gerne nur ihrem Ego. Das ist der Musik nicht dienlich. Dienst am Mensch sein – hoffen wir, dass wir bald wieder solche Konzerte erleben dürfen.

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